BROMBEER UND ZYKLAME

 

Und dann ist unser zweites Kind da. Liegt in meinen Armen. Streckt die feinen Glieder unter dem brombeerfarbenen Handtuch. Johann schaut über meine Schulter, schaut ihn lang an.

Von uns allen wird er gehalten, getragen, liebkost. Und es dauert. Bis man begreift, dass er nun da ist, dass ein neuer Mensch angekommen ist.

 

 

So beschenkt mit Zeit. Ich kann das Vogelgezwitscher hören, mehrmaliges Glockenläuten. Schweißtropfen abwärts, den hals entlang, rinnen lassen.

 

Ich muss mich nicht beeilen. Den Übergang von Erde und Gras unter den Füßen zu spüren. Und wo kleine Äste neue Übergänge schaffen.

 

Ich trage die Haare offen und dann zusammen gebunden. Die Kinderstimmen vom Schulhof hallen herüber, und ich kremple mein T-shirt über die Schultern hoch.

 

Ich muss nirgendwo anders sein als hier.

Florentin schläft im Kinderwagen, ein halbes Jahr Leben. ein halbes Jahr hier sein, hier mit uns sein.

 

Sattes Grün. In den Blätter-händen des Kastanienbaumes. Und mattes Grün. Das vom Löwenzahngelb erhellt wird. Die Straßenbahn rattert vorbei.

Freundinnen schieben ihre Räder, um einander besser zuhören zu können.

 

"Hallo Faulenzer!" ruft ein Kind in meine Richtung.

 

Die weite Wiese vor meinen Augen, mit den unzählbaren Bäumen, die junge Frau, die dort rastet, die Windungen der Baumrinde hinter mir, der ganze Platz fühlt sich an, als hätte ich eine Einladung dafür bekommen.

Denn es ist einer der Momente, die ich erlebe, und einer der Momente, die ich wahrnehme - und so gehört etwas davon mir.

 

Das Greifbare - das Kitzeln der Ameise auf meinem Unterschenkel, der kleine Ast unter dem Ellenbogen, und das Ungreifbare - die Spuren, die wir gegenseitig im Leben der anderen hinterlassen - 

wenn wir etwas davon erleben, in der Einfachheit erleben, in der es passiert, gehört es uns.

 

Im Kleinen kann ich groß sein.

 

Die Augen schließen. Die Augen öffnen, und gar nicht wissen, welcher Zustand der Schönere ist. Beim Schließen der Augen spürt man die Berührung von Boden und Wind und das Schreiten der Vorbeigehenden. Beim Öffnen der Augen drei aufblühende, noch nicht ausgewachsene Bäume.

 

Die Kraft des Frühlings nimmt die Angst vor dem Vergehen und Absterben.

Die Farben brechen wieder hervor. Sich trauen, sichtbar zu sein, sich trauen, dazuzugehören.


Und immer den Blick auf die Kleinigkeiten, auf die Details:

Johanns Tapsen durch das Wohnzimmer am Morgen.

Florentins Auflachen, wenn er sich alleine hochgezogen hat.

Thomas Öffnen der Türe beim Nachhause-kommen.


Wenn Florentin munter ist, hat er seinen Mund weit offen. Nicht nur einen Spalt breit, sondern weit offen. Einen zur Welt geöffneten, einen die Welt entdeckenden, aufnehmenden, offenen Mund.


Heute trage ich eine einge Hose und ein zyklamfarbenes Kleid, das bis zur Mitte der Oberschenkel reicht. Und dazu die weißen Sandalen, in die man so gut reinschlüpfen kann.

Mein Bauch hat einen ganzen Menschen eingehüllt und umrundet.


An der Haltestelle wachsen Grünlilien aus dem Gehsteigbeet.

Ich stecke mir den Ring wieder an. Ich bin beim Anstecken sehr bedacht, ihn ja nicht zu verlieren, dieses filigrane Zeichen einer Zuneigung, eines Zusammensein-Wollens.


Ich gehe auf der Straße und trage unser Kind. Er schläft und hält mir sein sanftes, helles, strahlendes Gesicht entgegen. Seine feinen Züge der Augen, der Nase, des Mundes.

Er verharrt im Schlaf. Sein Gesicht ist so klar wie ein langes Innehalten. Sein Atmen bemerkt man kaum. So viel Vertauen im Schlaf.


Es entwächst einem schnell. Aber jetzt kann ich ihn als Ganzes tragen, mit mir tragen, voll und ganz mit ihm verbunden sein. Seinen kleinen Fuß in der Hand halten. Und mich freuen, dass seine Füsse ihn noch weit tragen werden.


Zu Hause. Ich betrete die harte, metallene Form unseres Hauses, die alles Ungebetene so gut abschirmt. Das Stiegenhaus erinnert immer noch an ein Großraumbüro, obwohl mittlerweile alles privat bewohnt wird. Vor den Eingangstüren parken Einkaufs- und Kinderwägen.

So viel Platz in unserer Wohnung, so viel Luft. Die breite Fensterfront gibt den Blick frei auf den rot-grünen Baum, Bäume, Himmel und Wolken. Man kann sogar Flugzeuge und Vögel fliegen sehen.


Am Hinterhof fliegen die Schwalben. Deren Flug ist der Schönste. Als würden sie im Flug jauchzen und feiern und fröhlich bis zum höchsten Flügelschlag sein.


Vor meinem großen Fenster wachsen Petunien, frische Vergiss-Mein-Nicht und eine Geranie vom letzten Jahr. Und ein Flecken Gras, den Johann aus dem Kindergarten mitgebracht hat.


Ich schüttle die Betten auf. Und überlege, zwei neue Knöpfe an den Polsterüberzug zu nähen. Florentin robbt durchs Badezimmer zur rauschenden Waschmaschine.

Johann schaut sich einen Film mit einer Maus an, die katalanisch spricht und in einer Badewanne sitzt.


Zwischendurch begegnen sich Johann und Florentin. Florentin wird gekitzelt und gerüttelt, beklopft und berührt. Alles, was Johann macht, findet bei Florentin Anklang.


Thomas liegt und ruht sich aus, während die Lüftung die Autos überrauscht.


Die Haarspange liegt neben der Decke, der Streifen nackter Haut zwischen T-shirt und Hose löst sich langsam von der Matte, auf der ich meine Übungen mache.


Wurzelgemüse. Ich hebe den Kochtopf, das kochende Gemüsewasser riecht nach Schweiß, genau nach seinem Schweiß. Es ist dieser volle Schweißgeruch, der einen kurz um-weht, nicht so sehr anhaucht, in den man nicht versinken möchte. Und doch halte ich den Deckel eine Weile hoch und lasse mich vom Wurzelduft anwehen, möchte mich erinnern. Und schließe den Deckel dann wieder zu.


Du stehst in keinem Vergleich mehr. Ich suche ein "Dich" nicht mehr in der Menge vieler, sondern weiß dich neben mir.


Und Du. Soll ich Dich wieder erwähnen oder (dieses MAl) unerwähnt lassen...

Willst Du in uns weiter erwähnt oder vergessen sein?


Wenn die Schwalben hochjauchzend über den Himmel ihre Flügel schlagen, glaube ich Dich unter ihnen.



Noch sind ihre Schritte einzufangen. Dieser kleine Fuß am Beginn seiner Zeit.

Noch geht der eine an meiner Hand. Noch braucht der andere mich, um kleine Schritte machen zu können. Und wird, und sie werden noch so viel Schritte selber gehen, so weit...


Suni Löschner

Sommer 2013



 

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Suni Löschner

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